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Denkzettel KW 26 Quod licet Iovi, non licet bovi - oder "Die gefährliche Jugend"

Jetzt ist dieses Sprichwort ja ein alter Zopf. Und dass die ältere Generation über die "heutige Jugend" schimpft, ist ebenso wenig etwas Neues. Und dass die "junge Generation" iin einem bestimmten Alter hren direkten Vorgängern häufig nicht besonders wohl gesonnen ist, ist genau so wenig etwas, das einen verwundern sollte. Aber in letzter Zeit fallen mir vermehrt Tendenzen auf, die mich teils verwundern, teils erschrecken.
Immer und immer wieder erlebe ich es, dass man vor meiner Generation regelrecht Angst zu haben scheint. Das fängt bei mir an der Hochschule an, dass es ein Studentenblog, der es sich einfach zur Aufgabe gemacht hatte, zu provozieren und auf diese Weise auf Dinge, die in den Augen der Blogger schief laufen, Wellen durch die ganze Hochschule schlägt, eine ganze Latte an Stellungnahmen nach sich zieht und Menschen zu Nervenzusammenbrüchen bringt, die kaum wirklich erwähnt wurden, sondern nur in einem Halbsatz gestreift werden. Vor einigen Jahren hätte man darüber gelacht. Wieso nimmt man das jetzt so ernst? Ist in der Vergangenheit so viel schiefgegangen, dass man Angst hat, dass meine Generation irgendwelche Kartenhäuser zum Einsturz bringt?
Dann ein weiteres Erlebnis, das mich etwas stutzig gemacht hat. Ich trainiere seit diesem Semester Langschwertfechten an der Uni. Und ich kann aus Erfahrung sagen, dass das Ganze eine sehr ruhige, unaufgeregte Sache ist. Jemand, der absolut keine Ahnung vom Kampfsport hat, würde sich beim Blick in jedes beliebige Karate-Dojo vermutlich deutlich mehr erschrecken, als beim Blick in unsere Unterrichtsstunden. Ich darf das sagen, ich habe selbst 8,5 Jahre lang Karate gemacht.
Doch es gibt an der Uni offenbar Dozenten, die versucht haben, zu verhindern, dass Schwertfechten angeboten wird. Warum? Weil sie ganz offenbar vor meinem Trainer, der selbst Studen ist, Angst haben. Was ich nicht begreife, warum.  Keiner von den Fechtern hat irgendwelche umstürzlerischen Ambitionen, für alle ist das einfach nur ein ganz normaler Kampfsport, ein Hobby...
Und weiterhin habe ich es erlebt, dass bei einer Spontandemo, eigentlich eher einem lautstarken Protest einiger Studenten gegen eine geplante Veranstaltung der Bundeswehr an meiner Hochschule, von einer Vertreterin der Hochschule die Polizei gerufen wurde, wegen angeblicher Randale. Die Randale bestand aus dem Benutzen von Trillerpfeifen, das es dem Redner unmöglich machte, zu reden. Öhm, damit muss ich als Redner vor Studenten gelegentlich rechnen, habe ich bisher gedacht...
Und wenn ich mir diese Dinge so anschaue, frage ich mich wirklich, was los ist. Ich bin weder sonderlich politisch interessiert, noch in irgend einer Weise radikal eingestellt, aber ich frage mich in der Tat, warum man vor einer Generation Angst haben muss, die objektiv (ja, ich habe genug Statistiken gesichtet) weniger trinkt, weniger kriminell ist und die ganz offensichtlich motivierter und innovativer ist, als manche Generation davor.
Ist in der Vergangenheit so viel schief gegangen, dass wir das nicht sehen sollen, oder ist das der Versuch, einer Entwicklung Einhalt zu gebieten, bei der sich mancher überrollt fühlt?
Und weiterhin frage ich mich, ob gewisse Trends in der Literatur, die mich erschrecken, weil sie einfach in meinen Augen ein Rückfall in Zeiten sind, die wir eigentlich hinter uns gelassen haben sollten, nicht auch daher rühren, dass man Angst vor der Entwicklung bekommen hat.
Diese "Weibchen" in der YA-Literatur entsprechen einem Frauenbild, das wir einmal gewaltsam außer Kraft setzen mussten... Und so sehr mich dieses Frauenbild aufregt, weil ich weder möchte, dass sich Mädchen damit identifizieren, noch dass die Jungen das erwarten, so frage ich mich doch, warum dieses Motiv überhaupt wieder auftaucht. Ist das vielleicht ein "früher war alles besser"?
Dass man bei mir an der Hochschule, um das Bachelor-Zeugnis zu kriegen, neuerdings auch ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen muss (WTF?), legt in meinen Augen irgendwie auch nahe, dass man Angst vor irgendwie vermeintlich vorhandener krimineller Energie hat. Ich verstehe nur nicht, wo diese Angst plötzlich herkommt.
Wer fühlt sich da denn bedroht? Und wem hilft es, wenn die alten Werte bleiben, wie sie sind?
Habt ihr irgend welche Vermutungen?

Comments

Nicht verwunderlich in Anbetracht dessen, wie sich die Stimmung in den vergangenen Jahren gefärbt hat und wie sie manchmal auch zu Gesetzen wurde.
Auf der einen Seiten stehen die Autoritäten, die große Angst davor hegen, dass sich etwas gegen sie erhebt und ihre Entscheidungsmacht außer Kraft setzt, auf der anderen Seite versammeln sich die Unzufriedenen, die nicht selten auch einfach nur nach früheren Zeiten schreien, weil es ihnen dort (angeblich) besser ging.
Bei letzterem scheidet es sich eventuell noch in eine ost- und westdeutsche Ansicht von "früher war alles besser".
Jedenfalls sind die Klagegesänge auf die DDR bei den Ostdeutschen, die alt genug sind, um beide deutsche Staaten zu kennen, nicht allzu leise...

Es steht eine große Explosion bevor. Die Widersprüche in diesem Land sind zu groß, die Umstände sind zunehmend untragbarer - aber es verändert sich relativ daran. Irgendwann ist das Rückrat eines Menschen zu einem O verbogen und das bemerken die Menschen selbst, dass ihr Körper dafür nicht geschaffen ist.

Je nach dem, auf welcher Seite man steht, sehen in dieser Situation die Hoffnungen und Ängste aus.

Das diese Explosion kommen wird, das spüren alle Beteiligten.
Die, die lediglich etwas zu gewinnen haben, werden logischerweise offensiver und fürchten nicht; aber die, die etwas zu verlieren hätten, wiegen sich in Angst und versuchen alles Erdenkliche, um diese Explosion aufzuhalten.
Kämpfen vergeblich das aufzuhalten, was nicht aufhaltbar ist, insofern sich an den Umständen nichts für die auf der anderen Seite gelegenen etwas zum Positiven ändert.